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ERWIN SCHERIAU / APA / picturedesk.com

In memoriam Niki Lauda

„Der umtriebige Airliner und Entrepreneur wird uns fehlen.“

In den 42 Jahren, in denen ich das Vergnügen habe, die Geschicke der Touristikzeitschrift FM und des Reisemagazins FaktuM zu leiten, hat eine Persönlichkeit uns ganz besonders beschäftigt: Andreas Nikolaus „Niki“ Lauda, umtriebiger Airliner und Entrepreneur.

Mit den Laudas hatte ich schon in der Schule zu tun. Max und Thomas Lauda, die beiden Cousins von Niki, waren meine Schulkollegen. Max fungierte danach jahrelang als Stiftungsvorstand der Mucha Privatstiftung. Die alten Banden sind immer die stärksten. Und Vertrauen hat man wohl zu denen am meisten, die dich schon seit der Kindheit begleiten.

Das Verhältnis zu Niki Lauda war ein ambivalentes. Nachdem er Formel 1 Weltmeister geworden war, startete er mit seiner allerersten Fluglinie. Mein damaliger Kompagnon Dr. Adolf Löwy und ich besuchten den Weltstar in Salzburg, wo er im Mercedes Haus sein erstes Büro geöffnet hatte. Löwy und ich hatten uns ernsthafte Gedanken gemacht, wie denn diese Besprechung verlaufen werde. Wir erwarteten einen arroganten „Formel 1 Schnösel“, der den Weltmeister heraushängen lassen würde. Doch es kam ganz anders ...

Dabei hatte ich mich davor bei der Familie schon einigermaßen unbeliebt gemacht. Ich war bei einem der ersten Formel 1 Rennen am Familiensitz der Laudas in Bad Aussee eingeladen. Und dort unliebsam mit einer unbedachten Frage an die versammelten Familienmitglieder, die vor dem winzigen Schwarz-Weiß Fernseher klebten, aufgefallen. „Is schon ana gstorben?“, fragte ich 17-jähriger Frechdachs. Das kam nicht gut an damals, wo jede Woche ein Rennfahrer das Zeitliche segnete.

Doch zurück zu unserem ersten Besuch bei Niki Nationale. Lauda reagierte ganz anders, als erwartet. „In der Formel 1 kenne ich mich aus“, begann er das Gespräch. „Im Tourismus habe ich keine Ahnung. Sie machen die Fachzeitschriften. Bitte beraten Sie mich, erzählen sie mir etwas, erklären sie mir Zusammenhänge. Alles, was von ihnen kommt, ist für mich wichtig. Und glauben Sie mir, ich werde niemals den Formel-1-Star heraushängen lassen. In der Touristik bin ich ein Neuling und Anfänger.“

Löwy und ich waren geflashed. Das hatten wir nicht erwartet. Es gab eine tolle Coverstory für Niki Lauda, der unsere Herzen im Sturm erobert hatte.

Regelmäßig berichten wir über ihn. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, mit seiner wackeligen Fokker nach Korsika zu torkeln – einer der schlimmsten Flüge meines Lebens. Und weil Lauda so sparsam war, ging es in der Früh runter, und zum Mittagsessen gab es nur ein paar Sandwiches. Wir durften 15 Minuten am Strand bleiben. Und dann düste er wieder mit uns zurück.

Doch die Jahre kamen und gingen. Laudas Gesellschaften waren nicht unbedingt von Erfolg geprägt. Lauda 1 wackelte. Wir berichteten schon einigermaßen kritisch.

Bei Lauda 2 erhielt ich einen legendären Anruf von Dr. Heschgl, dem Austrian Airlines Vorstand. Er meinte: „Ich habe noch nie einen Journalisten angerufen.

Ihnen, Herr Mucha, traue ich zu, dass Sie das ordentlich schreiben. Ich habe gerade von Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky gehört, dass Herr Lauda die Übergabe des Binnenfluges fordert. Doch der kriegt das nie. Nur über meine Leiche.“ Ab dem Zeitpunkt waren Heschgl, Papusek und nochmals Heschgl/ Bammer spinnefeind mit Niki Lauda.

Es sollte bis zum Jahr 1990 dauern, als wir unseren FM-Incoming-Preis zur Versöhnung an Lauda, Heschgl und Bammer übergaben.

 

 

Strahlende FM-Incoming-Preisträger 1990 von links: Dr. Herbert Bammer, Der. Anton Heschgl, Gastgeber Christian W. Mucha und Niki Lauda

 

Das war damals eine ordentliche Sensation: Die drei an einem Tisch. Das erste gemeinsame Foto von den Todfeinden. Doch auch die zweite Lauda-Firma reüssierte nicht gerade. Und wenn vorgestern getitelt wurde, dass die Lauda-Air – nicht mehr im Besitz des Unternehmers – jetzt 139,5 Millionen Minus erwirtschaftet hat, dann weiß man auch, was gespielt wird.

Niki selbst war in all dieser Zeit unheimlich clever. Er wirtschaftete brillant, war immens sparsam („Ich habe nichts zu verschenken“), verkaufte seine Marke bestmöglich (das Kapperl hat ein Vermögen gekostet) und stieg aus jedem Deal - ob ihm jetzt die AUA sein Unternehmen abnahm oder ob die Gesellschafter wie bei Lauda 1 draufzahlten – blendend aus. Und er schaffte es, alle zum Zahlen zu animieren. Bei Lauda 1 grassierte ein Spruch vom damaligen Sektionschef Ministerialrat Dr. Anton Würzl im Tourismusministerium: „Ich brauche mich im Parlament nur umzuschauen, von ganz links bis ganz rechts. Die waren alle bei Lauda 1 beteiligt. Und alle haben dabei verloren.“

Also ergab es sich, dass wir einigermaßen kritisch – in gewissen Phasen extrem kritisch – über Lauda schrieben. Das gefiel ihm gar nicht. Nach einer Titelgeschichte, die „So nicht, Herr Lauda“ hieß, lud er mich zum Chinesen in die Innenstadt ein. Richtig, Niki Lauda hat mich zum Mittagessen eingeladen. Und bezahlt. Ich glaube, ich bin der Einzige weltweit. Er nahm damals seinen langjährigen Weggefährten, der ihm seine Grafik gemacht und auch das berühmte Lauda-Air Logo erfunden hatte, mit: Hannes Rausch. Dort, beim Essen, zerlegte Lauda die mehrseitige Titelgeschichte Absatz für Absatz. Während ich ununterbrochen versuchte, zu erklären, was wir recherchiert hätten. Und dass es sowieso schon gedruckt sei.

Nur Hannes Rausch ging immer wieder dazwischen und beschimpfte mich übel. Bis es dem Lauda zu blöd wurde. Er schickte Rausch auf die Straße und bat ihn, ein paar Runden um das Restaurant zu drehen. Was der tat. Doch an diesem nebeligem Novembertag begann es zu schneien. Und Rausch trug nur Mokassins. Dem Lauda war das wurscht. Erst nach 20 Minuten, als unser Gespräch vorbei war, winkte er den immer wieder sehnsüchtig beim Fenster hereinblickenden zitternden und frierenden Rausch zurück in die Wärme.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich Lauda immer mehr zu Österreichs Dr. Sommer, der alle Lebensfragen beantwortet. Kein Thema, wo er nicht seinen Senf dazu gab.

International bekannt, in der Formel 1 erfolgreich, auch als Rennstall-Manager eine Legende – der Mann hat in diesem Leben nichts ausgelassen.

Mir gegenüber war er die letzten Jahre einigermaßen reserviert. Immer höflich, immer zu einem Handschlag bereit, obwohl ich ordentlich scharf über ihn geschrieben habe. Das war das Aristokratische an Nikolaus von Lauda: elegant und höflich. Auch jenen gegenüber, die ihn kritisierten. Dem Lauda war das wurscht.

Ebenso wenig scherte er sich darum, seine Stewardessen die WCs putzen zu lassen. Das war ein Aufschrei. Denn Air Hostessen bei anderen Fluglinien mussten derartige Drecksarbeit nicht machen. Bei Lauda schon. Und er setzte sich damit durch.

Bei allem, was man ihm vorwerfen konnte: Er war eine großartige Persönlichkeit, es war immer spannend, mit ihm zu reden. Er war analytisch, ein Wahrheitsfanatiker, ein Kämpfer. Und – seien wir uns ehrlich – in der Luftfahrt konnte er unter anderem deshalb nie so richtig reüssieren, weil die großen Player auf dem Markt es erfolgreich geschafft haben, ihn „auf dem Boden zu halten“.

Er wird uns fehlen.

Rest in Peace Niki Lauda.

Christian W. Mucha 

 

Bildcredit: ERWIN SCHERIAU / APA / picturedesk.com; Archiv