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Für die Touristik-Branche wird Gesundheit ein immer wichtigeres Thema – bei Destinationen im In- und Ausland

 

Der Alltag hat uns fest im Griff. Ständig müssen wir Anforderungen genügen. Ständig sind wir erreichbar. Und haben wir einmal Zeit für uns, so suchen wir oftmals nicht die Ruhe. Sondern schaffen uns zusätzlichen Freizeitstress. Bis wir uns unwohl oder gar krank fühlen. Schlafstörungen, chronische Schmerzen, Übergewicht, Ängste oder emotionale Erschöpfung sind mögliche Folgen.

Parallel dazu durchdringt der Trend, sich gesund und fit zu halten, alle Lebensbereiche. Gesundheit ist zu einem neuen Statussymbol für Jung und Alt geworden. Die Vorsorge spielt eine immer zentralere Rolle.

Diese gesellschaftlichen Entwicklungen tragen dazu bei, dass der Gesundheitstourismus neuen Aufwind erfährt. Laut Welttourismusorganisation (UNWTO) und European Travel Commission (ETC) zählt das „Noch-Nischenprodukt“ international zu den am schnellsten wachsenden Tourismussegmenten.

 

Touristisches Potenzial

Doch was ist alles Gesundheitstourismus? Der Begriff umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote: von Wellness in der Therme oder in den Bergen bis hin zu medizinisch orientierten Reisen, die bei konkreten körperlichen und psychischen Beschwerden Besserung versprechen. In unserer Alpenrepublik können laut Tourismusforschung der Österreich Werbung zehn bis 15 Prozent aller Nächtigungen dieser Sparte zugerechnet werden.

„Der Gesundheitstourismus ist damit in Österreich zum wichtigen Faktor geworden und trägt einen relevanten Teil zu den Umsätzen bei“, bestätigt Elisabeth Köstinger, Bundesministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus. Das sei nicht nur für den Tourismus bedeutend: „Sondern das hat ja auch nachhaltige Effekte für die Gesundheit jener, die etwas für sich selbst tun“, so die Politikerin. Denn Gesundheit zu erhalten, gelinge vor allem dann, wenn man etwas tut, bevor man wirklich in gröbere gesundheitliche Probleme gerät. „Gerade in einer Gesellschaft, die – zum Glück – immer älter wird, ist Vorsorge und der Wille, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, ein wichtiger Punkt. Die heimischen Betriebe haben sich auf diesen Bedarf sehr gut eingestellt und bieten alle Formen des Gesundheitsangebots.“

Die Gäste sind gemäß Tourismusforschung überwiegend weiblich und etwas älter als der Durchschnitt. Sie reisen in kleineren Reisegemeinschaften, häufig mit dem PKW, und übernachten in Oberklassehotels. Es gibt noch viel ungenutztes touristisches Potenzial. Das hat einerseits mit der Bevölkerungsentwicklung zu tun: Das Durchschnittsalter der Europäer steigt bis 2050 um weitere sechs bis sieben Jahre – von derzeit knapp über 40 auf 46,8 Jahre.

Andererseits zeigen die Ergebnisse der Deutschen Reiseanalyse und der Gästebefragung T-MONA, dass das Interesse an Kur-, Wellness- und Gesundheitsurlauben drei- bis viermal so groß wie die tatsächliche Reiseerfahrung ist. 30 Prozent der Deutschen geben „etwas für die Gesundheit tun“ als wichtiges Reisemotiv an. Dies entspricht rund 21 Mio. Menschen allein bei den großen Nachbarn.

 

Ecomedicine im Trend

Großes Potenzial bietet der Bereich der ganzheitlichen Gesundheit. Der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) haben sich etwa die Kneipp Traditionshäuser der Marienschwestern in Aspach, Bad Kreuzen und Mühllacken verschrieben. Erneuern, entgiften und auftanken stehen hier ebenso im Mittelpunkt wie im Kurhaus Schärding, wo eine Kombination aus TEM, TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) und Ayurveda (indische Naturheilkunde) zum Wohle der Patienten geboten wird. Kneipp-Anwendungen stabilisieren mit sanften Reizen das Nervensystem. Gezielte ayurvedische Behandlungen, Bäder und Massagen mobilisieren die inneren Kräfte und werden als besonders wohltuend empfunden. Die TCM bringt die Lebensenergie des Körpers wieder in einen natürlichen, ausgeglichenen Zustand. Die Selbstheilungskräfte der Patienten werden aktiviert.

Auch die Parktherme Bad Radkersburg, wo 2017 das „Vita med Gesundheitszentrum“ eröffnet hat, verzeichnet eine steigende Nachfrage in der Vorsorge. Hier in Kombination mit natürlichen Ressourcen wie regenerativem Thermalwasser, Kohlensäurebädern und „Klöcher Vulcano-Fango“. Doch Yoga steht ebenso am Programm.

Die Gästestruktur habe sich deutlich verjüngt, sagt Presseverantwortliche Stefanie Schmid gegenüber der Österreich Werbung. Bei der Nachfrage nach Gesundheitsleistungen dominiere bereits die Zielgruppe der 40- bis 45-Jährigen. Die Leistungen umfassen: dreiwöchige stationäre Kuren, private ambulante Therapien zu den Indikationen Stütz- und Bewegungsapparat oder Stoffwechsel-erkrankungen auf höchstem medizintherapeutischem Niveau sowie präventive Angebote wie Ernährungsberatung und Gesundheitschecks.

Ob in Salzburg, in Tirol oder grenzüberschreitend: Immer mehr Gäste finden die Quelle der Gesundheit und Entspannung in der Natur. Der Alpenraum bietet hier noch viele ungenutzte Ressourcen. Deren Effekte auf die Gesundheit werden vom Institut für Ecomedicine an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität wissenschaftlich untersucht.

Darauf aufbauend will das Land Salzburg neue Tourismusangebote schaffen. Zum Beispiel ausgerichtet auf die Zielgruppe der Best Agers, also Menschen ab 50. Gemeinsam mit Partnerbetrieben laufen Workshops, um noch 2018 mit neuen Produkten zu starten. Das spannende Ergebnis einer klinischen Studie: Bei den 140 teilnehmenden Wanderurlaubern der Generation 65 plus stieg der Anteil von für die Immun- und Krebsabwehr notwendigen T-Zellen schon nach einem einwöchigen Alpenaufenthalt.

Ecomedicine ist international im Trend. Als Beispiele für eine Destination in Deutschland, die die Natur als Quelle der Gesundheit erlebbar macht, nennt die Österreich Werbung den ersten anerkannten Heilwald auf Usedom. Zielgruppe sind Menschen mit Lungen- oder stressbedingten Erkrankungen wie Bluthochdruck. Gesetzt wird auf Spaziergänge durch den Wald, Atemübungen, Meditationen u.ä.m.

 

Bedeutend für Touristiker

Auch Reiseveranstalter sehen das wachsende Interesse der Gäste an gesundheitsbezogenen Angeboten: von Wellness & Fitness über Ernährung und Gesundheitsvorsorge bis hin zu Entspannung für Geist und Seele. Dies sei sowohl für Wochenend-Trips im In- als auch im Ausland relevant, betont Mag. Patrizia Weinberger, Communications Manager von TUI Österreich. Deshalb habe man gemeinsam mit der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement ein Konzept für Fitness, Wellness und Ernährung für die neue Lifestyle-Hotelmarke TUI BLUE entwickelt.

Das Programm BLUEf!t bietet für jeden Urlauber das passende Wohlfühltraining, ob individuell oder in der Gruppe, bei Outdoor-Aktivitäten oder auf modernen Trainingsflächen. Auf Wunsch machen die Bluef!t-Guides einen Fitness-Check und entwerfen einen individuellen Ernährungs- und Trainingsplan mit Fokus auf einen langfristig gesünderen Lebensstil.

Auch bei den Clubmarken Robinson und TUI MAGIC LIFE oder bei TUI CRUISES gehen die Aspekte Gesundheit und Sport Hand in Hand. Zudem werden Events eigens zusammengestellt. Beispiel: die „Mindbody Rejuvination Week“ im Robinson Club Khao Lak im Juli 2018 in Thailand.

TUI hat darüber hinaus einen eigenen Ganzjahreskatalog „Wellness & Gesundheit“. Er umfasst auf rund 300 Seiten eine Auswahl an beliebten Wellness- und Gesundheitshotels in Österreich, Deutschland, Osteuropa und vielen Ländern rund ums Mittelmeer. Sie sind den Themen Ayurveda, Fasten und Heil- und Badekuren zugeordnet.

Als einen Geheimtipp nennt Weinberger das Vier-Sterne-Hotel „Wellness Provita“ in Kolberg an der polnischen Ostsee. Abgesehen vom Spa gibt es dort ein „Health Institute“ mit Diät-Beratung, innovativer Diagnostik, Ernährungsberatung und manuellen Therapien. „Selfness ist aktuell das neue Wellness“, so die Expertin. Wohlfühl-Reisen in Kombination mit Selbstfindung seien besonders gefragt. Beispiel: Das erste Viereinhalb-Sterne-Erwachsenenhotel im Ötztal „Selfness & Genuss Hotel Ritzlerhof“ punktet mit regionaler Küche, Yogaworkshops, Mentaltraining und einem Wellness-/Spa-Bereich auf 1000 m2.

Auch die Verkehrsbüro Group bestätigt FaktuM, dass Gesundheit ein immer wichtigeres Thema in der Touristik-Branche wird. Über Eurotours verkauft sie schon lange erfolgreich „Wellnessreisen“ bzw. Reisen mit unterschiedlich zubuchbaren Angeboten für Körper, Geist und Seele – in Österreich und im Ausland. Darüber hinaus bietet Eurotours in Deutschland sogenannte Präventivreisen an, die deutlich weiter gehen als der klassische Wellnessurlaub. Die Krankenkassen leisten Beiträge für diese, jeder Deutsche hat Anspruch auf eine Präventivreise im Jahr. Eurotours wurde vom Verband der deutschen Krankenkassen als Anbieter zertifiziert und organisiert solche Reisen nach Österreich und ganz Europa.

Helga Freund, Geschäftsführerin von Eurotours, erklärt die Vorteile: „Kunden wollen ihren Präventivaufenthalt nicht unbedingt in einer Kuranstalt absolvieren, sondern lieber in einem schönen Hotel in Österreich Urlaub machen und parallel ihre Behandlungen in Anspruch nehmen. Das können eine Rückenschule, eine Burnout-Behandlung, eine Ernährungstherapie etc. sein. Mit unseren Angeboten können sie auch ihre Familie in eine wunderbare Umgebung mitnehmen.“ Für den österreichischen Markt fehlen derzeit noch die Rahmenbedingungen, um derartige Präventivreisen anbieten zu können.

 

Medizinischer Schwerpunkt

Zum Gesundheitstourismus zählen last but not least auch Reisen mit medizinischem Schwerpunkt. Die Österreicher fahren bekanntlich gern nach Ungarn oder Tschechien zum Zahnarzt. „Immer wieder werden auch Kundenanfragen für Pauschalangebote nach Istanbul gestellt, die medizinische Behandlungen als Reisezweck haben“, verweist l’tur-Geschäftsführer Benjamin Jacobi auf einen spürbaren neuen Trend. Dabei gehe es vor allem um Augen- bzw. Zahnbehandlungen. Gerne gebucht werde auch z.B. Sri Lanka, um das örtliche Ayurveda-Angebot zu nutzen.

Umgekehrt kommen insbesondere arabische oder auch russische Patienten gerne zu Behandlungen nach Österreich. An der Wiener Privatklinik etwa sind die Fächer Orthopädie, Urologie und Chirurgie besonders gefragt. Ebenso werden Schönheitseingriffe gerne mit einem Urlaub kombiniert. Die Österreich Werbung nennt als Beispiel das Kuzbari-Zentrum in Wien. Die Patienten haben die Möglichkeit, nach einem plastischen chirurgischen Eingriff eine Betreuung auf 5-Sterne-Niveau im Hotel Bristol gegenüber zu genießen. Die Mitarbeiter dort unterstützen die Heilung u.a. mit speziellen protein- und vitaminreichen Menüs.

 

Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe FaktuM 2/2018!

Autor: Karin Martin

 

Bildcredit: Ritzlerhof