Der Sommer ist die klassische Jahreszeit der Festivals. Doch wenn die Blätter fallen, starten einige der progressivsten Festivals, die den Platz durch weniger Konkurrenz geschickt ausnutzen.
Sein 15-jähriges Jubiläum begeht der Salzburger Jazz-Herbst, indem er die „Grandes Dames“ der Bewegung in den Mittelpunkt rückt. Das Programm nennt sich dementsprechend „The Divas“. Der Jazz-Herbst versteht sich als hochkarätige Großveranstaltung im Kulturkalender der Mozartstadt, die Weltstars der wichtigen Musikrichtung Jazz an die schönsten Spielorte bringt und Publikum aus aller Welt anzieht. Auf der Plattform tummeln sich Alt und Jung und geben einander Legenden und junge Künstler des Jazz die Klinke in die Hand.
Das absolute Zugpferd ist die Operndiva Jessye Norman, die persönlich den Bogen vom klassischen Hintergrund der Salzburger Festspiele zum Jazz-Herbst verkörpert. Sie kommt mit einer hochkarätigen Jazzband und interpretiert Kompositionen von Thelonious Monk bis hin zu Duke Ellington. Mit dabei sind Spirituals und Songs, die ihre Kolleginnen Ella Fitzgerald oder Lena Horne berühmt gemacht haben.
Das Festival zeigt zudem die Ausstellung „Musikalische Grafik – 15 Jahre Salzburger Jazz-Herbst-Plakate“ und Kinofilme, in denen Jazzlegenden wie Sonny Rollins oder Friedrich Gulda auf der Bühne gestanden haben. Der Eintritt ist meist sogar frei. Guldas gleichnamiger Sohn hat die Ehre, das Festival musikalisch zu eröffnen.
Drei Mal „Blau-Gelb“
Im Herbst zeigt das Festspielhaus St. Pölten gleich dreimal auf. Im Oktober startet das Festival Tastenmusik, wo „Komponiertes und Improvisiertes, Klassik und Jazz, Tradition und Experiment zum Dialog durch Zeiten und Räume anregen“. Für das Festival wird Isabel Ettenauer heuer mit Akkordeon-Legende Otto Lechner und der Schauspielerin Anne Bennent einen Abend gestalten, dessen Grundlage Franz Kafkas letztes Werk „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ bildet.
Im November folgt das „Festival Polifonica“, wo die Stimmen zum neuen Chor-Festival geölt werden. Zitat: „Von der Domkantorei über den A-Capella-Männerchor bis hin zum partizipatorischen Projekt mit Bauchklang wird der Chorgesang fünf Tage lang für sangesfreudige St. PöltnerInnen im Festspielhaus den Ton angeben. Sänger- und ChorliebhaberInnen kommen mit dem länder- und genreübergreifenden Programm – New Yorker Gospelsänger treffen auf Verdis Requiem – voll auf ihre Kosten.“
Kurz darauf folgt das Festival „Nox Illuminata“, das von Kuratorin Ann Allen ausgerichtet wird und seinen Ursprung in Basel hat. In dieser Woche der Illumination durch Musik und Kultur verschmelzen Alte und Neue Musik mit Tanz, Theater und visuellen Künsten. Ein Spektakel, das weit mehr ist als Musik. Opulente Inszenierung, üppige Dekoration und Champagner gehören ebenso zur Magie von Nox Illuminata wie die Vermischung von klassischer Musik mit modernen Klangwelten.
Liszt am Sprung
Das Liszt Festival Raiding 2010 ist als Vier-Jahreszeiten-Ereignis konzipiert. Im Oktober startet der vierte und letzte Teil des heurigen Programms. Das Liszt Festival Raiding bietet ein umfassendes Programm vom Klavierabend über Kammermusik, Liederabende und Orchesterkonzerte bis hin zu grenzüberschreitenden Konzerten, die sich auf schöpferisch-innovative Art mit dem Werk von Franz Liszt auseinandersetzen. Ebenso nimmt ein absolut epochales Projekt im Jahr 2010 seinen Ausgangspunkt: Beim Orchesterprojekt „The Sound of Weimar“ mit der Wiener Akademie unter Martin Haselböck erklingen im Zeitraum 2010 bis 2012 in sieben Konzerten sämtliche Orchesterwerke von Franz Liszt in der originalen Orchesterbesetzung der Uraufführungen in Weimar von 1849-1860 live im Liszt-Zentrum Raiding. Mit dem Liszt Festival Raiding 2010 beginnen somit bereits die Vorbereitungen auf das große Jubiläumsjahr 2011 anlässlich des 200. Geburtstages von Franz Liszt: die sogenannte LISZTOMANIA 2011.
Steirischer Herbst
Von Ende September bis Anfang Oktober läuft der „steirische herbst“ unter dem Leitmotiv „Meister, Trickster, Bricoleure“. Dieses Thema spielt mit den unterschiedlichsten Aspekten von Virtuosität: Als Fähigkeit, mit handwerklichem Geschick den Inhalt zu überhöhen oder uns vom Eigentlichen abzulenken, ist sie nicht nur eine Sache der Meister – sie ist auch das wichtigste Instrument aller Taschendiebe und Hütchenspieler. Der Steuerhinterzieher gehört für die Veranstalter ebenso zur zweideutigen Welt des Virtuosen wie der Bricoleur als Bastler mit allem, was zur Hand ist. Das Spektrum im „steirischen herbst“ 2010 ist breit gefächert: Die phänomenale Virtuosität von William Forsythe und seinen Tänzern – mit „I don’t believe in outer space“ sind sie erstmals in Graz zu sehen – steht selbst bei einer konventionellen Definition ebenso außer Frage wie beispielsweise die des Pianisten Marino Formenti, der acht Tage lang täglich 12 Stunden im stadtmuseumgraz leben und spielen wird und so seine Grenzen erprobt. Friedrich Kittler, der an der herbst-Konferenz „Meister, Trickster, Bricoleure“ teilnimmt, steht exemplarisch für virtuoses Denken.
Ganz oben
Der Walser Herbst (vulgo: das steilste Festival Österreichs mitten in den Bergen) startet Ende August und läuft im September. Die Initiative bezieht umliegende Orte mit ein, wo etwa Franz Schuberts „Winterreise“ in der Bergkirche Damüls aufgeführt wird. Das breite Spektrum startet mit dem biblischen Gastmahl: einem mehrgängigen Festmahl mit Klezmer-Musik. Mit dabei ist der Schweizer Andreas Schertenleib, der in der guten Stube des Walser Urhauses „Onkel Ernst“ – ein Theaterabend und ein amüsant, hintergründiges Verwirrspiel mit Musik – aufführt. Aber auch Aktionismus steht am Programm: So lässt Alexander Dür an der Seilbahn bei seinem „STAHLPROJEKT duercube“ einen Kubikmeter Freiraum aus 220 Meter Höhe fallen.
„Sound der Heimat“, eine musikalische Tour durch bekannte und unbekannte Formen der Volkskultur, „Jödala“ & „Bödala/Doppelieren“, ein Blitzworkshop unter der Leitung von Evelyn Fink-Mennel sowie wortwörtliche Gustostückerln wie der „KOCH-RAUM in Raggal“, wo am Holzherd mit heimischem und fremdem Küchenpersonal gekocht, aufgespielt, gesungen, erzählt und philosophiert wird, ergänzen das Potpourri.
Bild: Peter Rauchecker
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