Wenn von Balthasar Hauser die Rede ist, fallen Begriffe wie Imperium, Phänomen, Legende. Über 100.000 Nächtigungen allein 2009 bestätigen den ideenreichen „Stanglwirt“. In allem.
Vor mehr als zwanzig Jahren – im Sommer 1986, um genau zu sein – widmete sich eine Story in FM einem vor Ideen strotzenden Tiroler Wirt. „Zerscht brauchst a Idee und dann erscht a Geld“ wurde der damals nonchalant (nebst Dialekt) wiedergegeben.
Protagonist der Geschichte war Balthasar Hauser: Promi-Gastgeber und Nobel-Hotelier im legendären „Stanglwirt“. Seine kuriosen Einfälle, die Geschäftstüchtigkeit und das Gespür für gewinnbringende Aktionen haben seit 1986 nichts eingebüßt. Ganz im Gegenteil. Über 100.000 Nächtigungen konnten 2009 verzeichnet werden, rund zwei Drittel davon entfallen auf Stammgäste. Darüber hinaus kann das Tourismus-Phänomen Stanglwirt beste Bonität, eine solide Eigenkapitalabdeckung sowie einen Auslastungsgrad an der Kapazitätsgrenze vorweisen.
Als Ende 2009 mit einer großen Feier unter dem Motto „400 Jahre Stanglwirt“ die 1609 erfolgte Verleihung der so genannten „Wirtsgerechtigkeit“ durch die „Urbarobrigkeit zu Kitzbühel“ über die Bühne ging, gaben sich unzählige Gäste ein Stelldichein: Freunde, Weggefährten, Mitarbeiter und (teils hochprominente) Gäste ließen es sich nicht nehmen, das runde Jubiläum des Phänomens Stanglwirt – der seit über 250 Jahren keinen Ruhetag kennt – zu begehen.
Stanglwirt Nr. 17
Die lange Geschichte der 5-Sterne-Herberge in Going sieht man ihr zwar per se nicht an, doch sie verleiht dem Nobel-Biohotel einen zusätzlichen Reiz. Seit 1609 steht hier ein offiziell anerkannter Wirtsbetrieb, seit 1643 trägt er den Namen Stangl. Die heutige Besitzerfamilie Hauser herrscht seit mehr als 100 Jahren über das Haus.
„Ich bin der 17. Wirt in der langen Reihe meiner Vorfahren. Ehrfürchtig verneige ich mich vor ihnen, denn es waren ihre Tüchtigkeit und ihr Weitblick, womit sie das Fundament geschaffen haben, auf dem ich aufbauen konnte“, zeigte sich Balthasar Hauser bei den Jubiläumsfeierlichkeiten bescheiden.
Der langen Historie des Stanglwirts wurde denn auch ein 150 Seiten starkes Jubiläumsmagazin gewidmet. Mit „Beharrlichkeit“ und „wachsamem Blick auf den altehrwürdigen Gasthof“ habe er das Werk seiner Ahnen – insbesondere seiner Eltern – fortgeführt, so Hauser. Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen.
Familiärer Generalist
Was das Erfolgsgeheimnis des Stanglwirts ist, lässt sich schwerlich an einzelnen Aspekten festmachen. Mag sein, dass die herzliche Atmosphäre eines Familienbetriebs dazu beiträgt. Neben dem Ehepaar Balthasar und Magdalena Hauser sind ja längst auch Sohn Richard (Geschäftsführung), Tochter Maria Magdalena (PR und Marketing) sowie die jüngeren Hauser-Sprösslinge Elisabeth und Johannes im Unternehmen tätig. Mag auch sein, dass die idyllische Alm-Umgebung ihr Scherflein zur Anziehungskraft des Hotels beiträgt. Oder die gute Küche. Oder die vielen Attraktionen. Die unzähligen Sportmöglichkeiten. Die detailverliebte Ausstattung. Oder …
Was das Phänomen „Stanglwirt“ tatsächlich ausmacht, ist sogar für die Hausers nicht leicht auf den Punkt zu bringen. Via Ausschlussverfahren (man sei kein typisches Wellness-, Sport-, Kinder-, Tagungs-, Event-, 5-Sterne-Hotel, kein typischer Bauernhof und auch kein typisches Tiroler Wirtshaus) kommt die Gastgeberfamilie selbst zu dem Schluss: Der Stanglwirt ist ein Generalist. Mondänes Flair vermischt sich nahtlos mit regionalem Charme und familiärer Atmosphäre.
So schwer das Rezept auch in seine Zutaten aufzugliedern ist, etwas Essentielles lässt sich jedenfalls festhalten: Der Stanglwirt wäre nicht das „Phänomen Stanglwirt“ ohne die kuriosen, in die Tat umgesetzten Einfälle seines Patrons.
Prost, Muh, Mahlzeit
65 Hektar Grünland, 52 Hektar Almgebiet und jede Menge Tiere (Rinder, Ziegen, Hasen, …) gehören zur Landwirtschaft des Stanglwirt. Ein Kinderbauernhof entführt die kleinen Gäste auf Entdeckungsreise, Waidmänner kommen im 600 Hektar großen Jagdrevier auf ihre Kosten und der Stanglwirt wurde dank dem über „Licht ins Dunkel“ ersteigerten Stammhengst Pluto Verona auch zum ersten privaten Lipizzaner-Gestüt Österreichs.
Über 80 Tonnen Fleisch und Fleischprodukte werden in der hauseigenen Metzgerei verarbeitet, die ebenfalls hauseigene Bäckerei bietet frisches Brot, der Bio-„Goldkäse“ aus eigenen Herstellung wurde bereits mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. „Jeder von Mensch, Kuh oder auch Pferd geerntete Grashalm findet sich letztendlich in irgendeiner Form beim Gast des Stanglwirts wieder“, betont Geschäftsführer Richard Hauser.
Gerade den Kühen kommt aber noch eine weitere wichtige Rolle zu: Sie glotzen den Gästen beim Essen auf die Teller – ebenso, wie die Gäste aus dem Speisesaal direkt in den Kuhstall blicken können. Klingt eklig? Ist es aber nicht. Aus dem Kuhstallfenster – ursprünglich einem baulichen Hoppala zu verdanken – ist längst eine absolute Touristenattraktion und ein Markenzeichen des Stanglwirts geworden. „Ich habe beim Stanglwirt viel erwartet, aber nicht, dass ich hier einen Verhaltensforscher antreffe. Nämlich einen Wirt, der genau weiß, dass Rindviecher einander gerne betrachten“, quittierte der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt die Attraktion im Gästebuch.
Hai Society
Wem die tierischen Highlights noch nicht ausreichen, darf sich auf ein weiteres gefasst machen: Romulus und Irenäus (nach ihren Paten Hans Hass und Irenäus Eibl-Eibesfeldt benannt), ihres Zeichens Schwarzspitzen-Riffhaie. Dass die beiden sich auf der Tiroler Alm tummeln, ist nicht so abwegig, wie es scheinen mag. Denn vor 220 Millionen Jahren war das Gebiet ein urzeitliches Meer, der Wilde Kaiser quasi ein Korallenriff. „Schon immer haben sich die Leute gefragt, warum in Tirol die Bänder der Kuhglocken mit Muscheln verziert sind“, erzählt Balthasar Hauser, der sich zur Erklärungsuntermalung kurzerhand die beiden Meeresräuber in den Stanglwirt holte. So mancher Besucher der (1.200 Quadratmeter großen) Felsensauna dürfte wohl froh sein, bei diesem Anblick die Schweißausbrüche mit dem Aufguss erklären zu können …
Die da schwitzen, sind übrigens nur allzu oft aus Zeitung und Fernsehen bekannt. Die Maxime „Klasse statt Masse“, die Balthasar Hauser seinerzeit ein klares Nein gegen schnelles Geld mit Massenbustourismus schmettern ließ, hat sich bezahlt gemacht. Wobei – mittlerweile kommt wohl die Klasse in Masse: „Menschen für Menschen“-Gründer Karlheinz Böhm gehört ebenso zur Promi-Klientel des Stanglwirts wie Spitzenboxer Vitali Klitschko (der sich zu Trainingszwecken in Going einquartiert), das ÖSV-Team, die Entertainer Hansi Hinterseer und Gerry Friedle (alias DJ Ötzi), Top-Manager Werner Baldessarini oder Rennfahr-Legende Gerhard Berger.
Klotzen und kleckern
Rund 400 Events finden pro Jahr im 5-Sterne-Hotel in Going statt. Das Ereignis schlechthin darunter ist wohl unumstritten die berühmt-berüchtigte Weißwurstparty am Hahnenkammwochenende. Was nach banalem Senfgepatze klingt, ist längst ein gesellschaftliches Happening geworden. Wenn Balthasar Hauser zu diesem legendärem Event ruft, folgen bis zu 2.500 Gäste, die Namensliste ist dabei ein einziges Who’s who.
Angefangen hat die Erfolgsgeschichte der Weißwurstparty nach dem Rennwochenende 1992, an dem sich die rot-weiß-rote Riege nicht übermäßig mit Ruhm bekleckert hatte. Als Trostpflaster lud der bayrische Metzger Toni Holnburger die Skifahrer zur Weißwurstverkostung in den Stanglwirt ein. Das gemütliche Beisammensein forderte ein Da capo und die Angelegenheit entwickelte eine erstaunliche Eigendynamik. Schon bald darauf war der Andrang so groß, dass man ihn durch Einladungen bändigen musste. Top-Koch Alfons Schuhbeck verfeinerte Holnburgers Weißwürste, eine größere Location musste her, ein Unterhaltungsangebot wurde auf die Beine gestellt, etc.
Auch 2010 kamen wieder zahlreiche Stars und Sternchen zum Weißwurstgelage. Unter vielen anderen ließen sich Uschi Glas, Karl-Heinz Grasser und Fiona Swarovski, Dagmar Koller, Dolly Buster, „Naddel“ Abd del Farragh und Landeshauptmann Günther Platter sehen. Regelrechter Medienrummel entstand um den deutschen Entertainer Sasha. Als Verpflegung wurden 5.000 Weißwürste (u.a. in den Geschmacksvarianten Champagner und Chili) aufgefahren, dazu ebenso viele Brezeln.
Eine Premiere feierte heuer der Weißwurst-Jet: Das exklusive Service des Salzburger Jetbrokers Flyby startete seinen Jungfernflug (in Begleitung eines ORF-Filmteams) ab Wien. Vom Flughafen Wien wurde die streng limitierte Gästeschar per Helikopter weiter zur Weißwurstparty geflogen. Im kommenden Jahr – Balthasar Hauser wird dann mit der 20. Weißwurstparty ein weiteres Jubiläum zu feiern haben – soll das Jet-Service auf München, Mailand, London und Cannes ausgeweitet werden.
Es grünt so grün
Das Stichwort „Grün“ drängt sich Besuchern beim Stanglwirt nicht nur angesichts der Tennishalle (Europas erster mit Grasdach, auf dem die Schafe weiden) auf. Balthasar Hauser legt nämlich viel Wert auf Natur, Bio und Nachhaltigkeit. Noch bevor diese Begriffe in aller Munde waren, wurden sie beim Stanglwirt bereits gelebt. Ende 1980 wurde dort das erste Hotel-Biomasse-Heizwerk Europas installiert, was mit dem Innovationspreis der Republik Österreich gewürdigt wurde. 1995 wurde es auf die doppelte Größe aufgerüstet, um den stetig wachsenden Betrieb weiterhin optimal versorgen zu können. Bei Höchstleistung steigt die Temperatur in der Brennkammer auf bis zu 1.000°C, wodurch die auftretenden Abgase besonders schadstoffarm sind – sie verbrennen dann nämlich unmittelbar selbst.
Übrigens: die 1976 begrünte Tennishalle ist nicht nur ein lustiger Gag à la Hauser, sondern entpuppte sich auch als Wärmespeicher, wodurch im Winter einiges an Heizkosten gespart werden konnte.
Auch das Hotel – das ja auch den Titel Biohotel trägt – wurde unter dem grünen Gedanken weiterentwickelt. Seit den 1980er-Jahren, als „bio“ noch maximal mit schrulligen Birkenstock-Ökis in Verbindung gebracht wurde, investieren Balthasar Hauser und seine Frau mit Beharrlichkeit (manche mögen es Tiroler Sturheit nennen) in ihr baubiologisches Hotel. Sukzessive kümmerte man sich um die Umweltfreundlichkeit des Betriebs: von unverfälschten Lebensmitteln über gewissenhafte Abfallentsorgung und die genannte Heizanlage über biologisch abbaubare Reinigungsmittel bis hin zur Bausubstanz: die Holzziegel sind mit Kalkmörtel statt Zement gebunden, Holztramdecken kamen anstatt von Stahldecken zum Einsatz. Reine (Baum-) Wolle, Leinen und Holz sorgen auch bei der Innenausstattung für Komfort und Luxus mit dem Bio-Touch.
Wasser-Sommelier
Zu den neuesten Innovationen des Balthasar Hauser gehören einige wässriger Natur. Die lebende Wirtslegende hat es sich als Aufgabe erkoren, den „Schatz der Gegenwart“ für die Gastronomie zu heben. Will heißen: Quellwasser, das er als zunehmendes Konkurrenzprodukt zum üblichen Getränkeangebot (auch für Mineralwasser) zu erkennen glaubt, regelrecht zu zelebrieren. „Zwei von vier Gästen des Stanglwirts wollen schon heute zum Essen Quellwasser trinken, doch spätestens beim zweiten Glas bekommen sie ein schlechtes Gewissen“, schildert Hauser.
Der „Stanglwirt“ schritt in diesem Sinne zur Tat, errichtete eine Wasserbar, die aus der hauseigenen „Kaiserquelle“ gespeist wird, erstellte eine Wasserkarte mit 21 verschiedenen Mineralwässern aus aller Welt und holte sich zur Unterstützung der Initiative den ersten Tiroler Wasser-Sommelier an die Seite. Schließlich passe nicht jedes Wasser gleich gut zu jedem Wein und der Sommelier als „Genussmanager“ hilft entsprechend bei der richtigen Auswahl.
Man mag den Stellenwert, den Hauser dem Wasser da einräumt, überzogen finden. Den Aufwand absurd. Aber wenn die Vergangenheit etwas gezeigt hat, dann dass Balthasar Hausers seltsame Ideen erfolgreich zu sein pflegen.
Bild: Paul Dahan
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